Der Weg zu persönlichen Lernstrategien und einem erfolgreichen Zeitmanagement
Kevin war vor einigen Monaten, ein gutes halbes Jahr vor Abschluss seines «Baccalaureat International», bei mir in der Beratung. Sehr bald wurde uns beiden aber bewusst, dass er nicht nur Begleitung in der Berufs- und Studienfindung benötigte, sondern auch mit dem strukturierten Lernen heillos überfordert war. Die Abschlussprüfungen standen zwar noch nicht direkt vor der Tür, doch das anstehende Lernen auf die grossen Prüfungen bereitete ihm zunehmend grosse Sorgen. Kevin hatte keinerlei Antwort auf meine Frage, was denn seine bisher angewendeten Lernstrategien seien. Er hatte schlichtweg keine. So fokussierten wir die nächsten Wochen und Monate nicht nur auf seine Identitätsfindung und Berufsorientierung, sondern erarbeiteten auch gemeinsam seine persönlichen Lernstrategien.
Bewusstsein stärken anhand konkreter Beispiele
Zusammen mit Kevin habe ich ein Bewusstsein für die Wirkung mündlicher Beteiligung erarbeitet, indem wir nach Themen suchten, die ihn interessieren. Schnell kamen wir dabei auf seine Hobbies zu sprechen und Kevin erzählte mir begeistert und detailliert von der BMX- und Snowboard-Szene. Es ist ihm am eigenen Beispiel bewusst geworden, dass Interesse gepaart mit intensiver (mündlicher oder schriftlicher) Auseinandersetzung zu mehr und vertieftem Wissen führt und dass er selbst dafür verantwortlich ist, eine solche Auseinandersetzung zu realisieren. Seine Fähigkeiten, Verbesserungen an seinen BMX-Velos und Snowboards anzubringen, verdankt er seinem Willen und Interesse, an technischen Details herumzutüfteln und praktisch umsetzbare Lösungen zu finden – «Lass es mich tun, und ich werde es können.»
Eine optimale Lernumgebung und individuelle Strategien entwickeln
Kevin war auch bereit, gemeinsam mit mir seine Lernumgebung zu analysieren und zu optimieren. Es gelang uns, einige Störfaktoren wie z. B. laute Musik, permanente Erreichbarkeit über das Mobiltelefon oder die Ablenkung durch seine kleine Schwester, wenn auch nicht gänzlich zu entfernen, so zumindest zu minimieren. Mit Lernstrategien hat Kevin bis anhin nie gearbeitet. Heute ist ihm dank eigener Erfahrung bewusst, dass man Lernen sequenzieren kann. Er weiss auch, dass es hilfreich ist, sich bereits im Unterricht einen ersten Überblick über das Wesentliche zu schaffen und mit «Querlesen» Prioritäten zu setzen. Er hat gelernt, wie er Zusammenfassungen schreibt und wir haben gemeinsam an seinen Lernzielen gearbeitet. Ziele, die er sich nun eigenständig setzt, weil er mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt hat, welche Ziele für seine persönliche Situation realistisch sind.
Vom Aufzeigen und Besprechen zum selbstverantwortlichen Handeln
Kevin hat in seinem Berufs- und Studienwahlprozess auch gelernt, sich einen Überblick über sein Zeitbudget zu verschaffen, dieses gezielt zu verwalten und bewusst einzuteilen. Mit seinen persönlichen Wochen- und Lernplanungen haben wir das Thema anhand konkreter Aufgaben und Prüfungen durchgespielt, indem Kevin seine neu erlernten Lernstrategien direkt anwenden konnte. Er hat dabei erfahren, dass es ihm hilft, grössere Aufgaben und Prüfungen in kleiner Lerneinheiten aufzuteilen und diese vor allem fix in seinen Lernplan einzutragen. Wo früher planloses und meistens auch zu kurzfristiges und deshalb überforderndes Lernen stattfand, hat Kevin sich eine bewusste Lernplanung erarbeitet und den Willen, sein persönliches Maximum herauszuholen, entwickelt. Vom Aufzeigen möglicher Lernstrategien und dem Besprechen konkreter Beispiele aus seinem Alltag kam Kevin durch das Erproben und Anwenden möglicher Wege ins selbstverantwortliche Handeln. Dank diesem Prozess und seiner dadurch entwickelten Motivation ist es Kevin gelungen, ein auf ihn persönlich abgestimmtes Lernsetting zu gestalten. Damit hat er selbst den Grundstein für seinen langfristigen Erfolg gelegt.
So ganz nebenbei
Das Schönste im gesamten Prozess aber waren Kevins glänzende Augen, als er mir im Abschlussgespräch der Berufs- und Studienberatung mitteilte, wie glücklich er sich schätze, dass er neben seiner nun festgelegten Studienwahl «nebenbei» auch viel über sein eigenes Lernen dazugelernt habe. Was will man als begleitende Beratungsperson noch mehr?